Oder: Warum ich Labradore niemals unterschätze.
Ein Spaziergang wie so viele
Es gibt Geschichten, die vergisst man nie.
Diese hier ist über dreißig Jahre her.
Und trotzdem muss ich jedes Mal schmunzeln, wenn ich daran denke.
Damals war Kaba noch kein halbes Jahr alt. Ein typischer junger Labrador – neugierig, freundlich und überzeugt davon, dass die Welt einzig und allein dafür geschaffen wurde, entdeckt zu werden.
Wir leben im Bergischen Land.
Wer unsere Gegend kennt, weiß, wie besonders sie ist. Tiefe Wälder, kleine Bäche, alte Kotten und Fachwerkhäuser, die sich zwischen den Bäumen verstecken. Früher war vieles noch ein bisschen anders. In manchen kleinen Dorfgemeinschaften standen die Haustüren tagsüber einfach offen. Nachbarn kamen auf ein Pläuschken vorbei, Kinder liefen zwischen den Häusern umher – und irgendwie kannte jeder jeden.
Eines unserer liebsten Spaziergebiete war damals die Gelpe.
Kaba durfte dort durch den Bach planschen, über Steine klettern und das Leben genießen.
Ein Bauchgefühl, auf das ich hätte hören sollen
Eigentlich waren wir schon auf dem Rückweg zum Auto, als ich eine Bekannte aus unserer Hundeschule traf. Sie hatte ebenfalls ihren Labrador dabei.
Kaba hatte ich kurz zuvor angeleint.
Nicht ohne Grund.
Sie war schließlich noch ein Welpe und hörte in diesem Alter eben so gut, wie junge Labradore meistens hören.
Nämlich … eher nach Lust und Laune.
Während wir uns unterhielten, sagte meine Bekannte:
„Ach komm, lass die beiden doch spielen.“
Ich zögerte.
„Ich weiß nicht … Kaba hört noch nicht besonders gut. Außerdem stehen die Häuser hier direkt am Waldrand.“
Dann sagte ich noch halb im Scherz:
„Nicht, dass sie gleich in irgendeinem Haus landet und in die Kochtöpfe schaut.“
Meine Bekannte lachte.
„Ach was! Die beiden spielen doch miteinander. Außerdem ist hier der Bach. Die interessiert jetzt doch nichts anderes.“
Ich hätte auf mein Bauchgefühl hören sollen.
Zwei Minuten später war sie verschwunden
Also machte ich die Leine ab.
Die beiden tobten los.
Vielleicht zwei Minuten.
Dann blieb Kaba plötzlich stehen.
Sie drehte sich um.
Und lief mit einer Zielstrebigkeit los, als hätte sie einen ganz wichtigen Termin.
Ich rief ihren Namen.
„Kaba!“
Keine Reaktion.
Sie verschwand durch ein Gartentor.
Ich lief hinterher.
„Kaba!“
Immer noch nichts.
Ein Labrador in der Küche
Als ich das Haus erreichte, kam sie mir schon fröhlich entgegen.
Und direkt hinter ihr erschien eine Frau.
Nicht ganz so fröhlich.
„Was macht Ihr Hund in meiner Küche?“
Ich blieb wie angewurzelt stehen.
„Der wollte mein Essen klauen! Können Sie nicht auf Ihren Hund aufpassen?“
Mir war das unfassbar peinlich.
Ich entschuldigte mich mehrfach, leinte Kaba an und verabschiedete mich ziemlich kleinlaut von meiner Bekannten.
Der Blumenstrauß
Im Auto saß ich erst einmal schweigend da.
Eigentlich mochte ich dieses Waldgebiet.
Und eigentlich wollte ich dort auch weiterhin spazieren gehen.
Also fuhr ich kurzerhand nicht nach Hause.
Sondern zum Blumenladen.
Ich kaufte einen großen Blumenstrauß und klingelte wenig später noch einmal bei der Frau.
Sie war …
nun ja …
nicht gerade begeistert, mich schon wieder zu sehen.
Einen kurzen Moment hatte ich wirklich das Gefühl, sie würde mir den Blumenstrauß gleich wieder in die Hand drücken.
Oder schlimmer noch.
Aber sie nahm ihn schließlich doch an.
Manche Geschichten brauchen einfach etwas Zeit
Die nächsten Wochen mied ich diesen Weg.
Nicht, weil ich Angst hatte.
Sondern weil es mir einfach immer noch unangenehm war.
Erst einige Monate später führte uns unser Spaziergang wieder dorthin.
Dieselbe Straße.
Dasselbe Haus.
Dieselbe Haustür.
Dieselbe Frau.
Diesmal stand sie lächelnd vor ihrer Tür.
Wir wechselten ein paar freundliche Worte.
Der Ärger war längst vergessen.
Heute kann ich gut verstehen, dass sie damals so erschrocken war.
Schließlich rechnet wohl niemand damit, dass plötzlich ein junger Labrador durch die offene Haustür spaziert und zielstrebig die Küche ansteuert.
Und gleichzeitig muss ich heute über Kaba lachen.
Nicht einmal der Bach.
Nicht ihr Spielkamerad.
Nicht mein Rufen.
Nichts konnte sie von ihrem eigentlichen Vorhaben abbringen.
Sie hatte offensichtlich Wichtigeres zu tun.
Nämlich nachzusehen, ob irgendwo ein Kochtopf unbeaufsichtigt war.
Typisch Kaba
Wenn ich heute an diese Geschichte denke, muss ich immer noch lächeln.
Sie war unglaublich freundlich.
Neugierig bis in die Haarspitzen.
Und fest davon überzeugt, dass jeder Mensch und jedes Haus sie herzlich willkommen heißen würden.
Genau das machte sie so besonders.
Und vielleicht ist das bis heute eine der typischsten Labrador-Eigenschaften, die ich jemals erleben durfte.
🐾 Kaba würde heute wahrscheinlich sagen …
„Du hast doch selbst gesagt, ich soll nicht in die Kochtöpfe schauen. Von Kühlschränken war nie die Rede.“
Oder vielleicht einfach:
„Ein Labrador muss Prioritäten setzen.“ ❤️
🐾 Noch eine Geschichte über Kaba
Falls Du glaubst, dass Kaba aus ihrem ersten Küchenbesuch gelernt hat …
… dann kennst Du sie noch nicht. 😄
👉 Lies auch: Kaba hatte einen Termin – warum sie Carlos zu Hause besuchte.
📷 Erinnerungen brauchen nicht immer viele Bilder
Die Geschichten von Kaba sind über 30 Jahre alt. Damals entstanden Fotos nicht nebenbei mit dem Handy, sondern nur ganz bewusst. Deshalb gibt es von ihr nur wenige Aufnahmen.
Vielleicht begegnet Dir das eine oder andere Bild in mehreren Geschichten wieder. Ich hoffe, das macht nichts – denn jede dieser Erinnerungen erzählt ein anderes Kapitel aus unserem gemeinsamen Leben.

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